„Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“ von Becky Chambers

Buchcover. Im Hintergrund ist ein Sternenhimmel mit einigen Planeten, davor ist der Schatten einer Person.
Cover „Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“ von Becky Chambers

Mein Freund Ázzuen liest regelmäßig Bücher vor. Zurzeit ist es „Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“ von Becky Chambers. Ich finde es toll. „Der lange Weg“ ist der erste Teil der Wayfarer-Serie – die Fortsetzungen sind lose miteinander verknüpft.

Die Rahmenhandlung kann in zwei Sätzen zusammengefasst werden: Eine sehr unterschiedliche Crew bohrt Wurmlöcher im Weltall und soll nun eines in ein Kriegsgebiet bohren. Zusammen bestehen sie verschiedene Herausforderungen. Soweit so uninnovativ, eine gewöhnliche Space Opera, oder?

Nein.

Das Setting ist faszinierend ambivalent beschrieben. Die Menschheit ist zerstritten, und im Gegensatz zu vieler anderer Literatur nicht relevanteste Spezies im Universum. Sie hat sich gerade ihre Position auf dem intergalaktischen Spielfeld gerade erst erarbeitet und wird meist argwöhnisch betrachtet. Es ist so angenehm ein nicht auf die Menschheit zentriertes Werk zu lesen.

Und genau diese Nichtzentriertheit nutzt die Autorin als Stilmittel, um ohne Konfrontation sowohl einen politischen Kommentar abzugeben, als auch alternative Lebensmodelle zu präsentieren. Als Leser kann ich das aus der Distanz betrachten, oder an mich heranlassen.

Wie in vielen Weltraumepen üblich gibt es eine Vereinigung von Planeten – im Buch ist es die Galaktische Union (GU). Chambers bemüht sich noch nicht einmal, der GU einen übertriebenen Idealismus zu verpassen. Damit bietet sie Anknüpfungspunkte an heutige Staatenbünde, ohne diese benennen zu müssen. Die Mischung aus einer Organisation, die Rechte für die Bürger sichert, aber manchmal diese genauso für Machterhalt und Ressourcen aufs Spiel setzt – eine Organisation mit einem guten Grundgedanken, diese aber in Realität aber nicht umsetzen kann, aber das glaubhaft nicht aus bösartigen Motiven. Es gibt ja dieses Sprichwort über das Straßenmaterial des Weges in die Hölle … Dabei driftet Chambers auch nicht in eine libertäre Richtung ab, wie es z. B. bei Firefly der Fall ist. Die GU ist nicht per se schlecht, nur imperfekt, eben wie ihre Mitglieder – aber dennoch ist sie verbesserbar.

„Richtlinien“, sagte Ashby und nickte. „Aha.“ Er atmete ein und sah auf sein Hände hinunter, die auf dem viel zu hohen Tisch lagen. „Ich will ja nicht respektlos sein, aber Ihre Richtlinien hätten mich und meine Crew schützen sollen. Ich habe diesen Richtlinien vertraut. Ich habe darauf vertraut, dass man uns nirgendwohin schicken würde, wo wir in Gefahr geraten, abgesehen von den Gefahren durch den Auftrag selbst.“ Er hatte Mühe, in ruhigem Tonfall zu sprechen. „Wir hätten niemals zu dem Ort fliegen dürfen, an den Sie uns geschickt haben, und trotzdem ziehen Sie in Betracht, noch mehr Leute dorthin zu entsenden. Sie haben unser aller Leben aufs Spiel gesetzt, ohne ein Wort darüber zu verlieren, und jetzt wollen Sie hier herumsitzen und über Richtlinien reden.“

Das, was das Buch jedoch ausmacht, ist die höchst unterschiedliche Crew des Raumschiffes, ihre Verhältnisse untereinander, ihre gemeinsame Reise – ganz nach dem Motto, der Weg ist das Ziel. Mit dieser Mischung ist es nicht nur eine beliebige Geschichte, sondern eine Ode an die Vielfalt, und was Unterschiede trotz aller Schwierigkeiten, die sie manchmal bereiten, erst ermöglichen. Nur gemeinsam kann man den Widrigkeiten trotzen – und sich gemeinsam die Familie schaffen, die man möchte. Das ist gleichzeitig so banal, und doch so befreiend.

Dabei ist mir gerade das Feingefühl der Charaktere in Erinnerung geblieben. Als sich die Menschenfrau Rosemary und die Aandrisk (eine echsenartige humanoide Spezies mit Federn – welche Wahlfamilien und polyamore Beziehungen pflegt) Sissix annähern, ist die Annäherung eben vorsichtig und auf ihre Unterschiede und unterschiedlichen Bedürfnisse bedacht. In der Theorie zwar eine Selbstverständlichkeit, nur ist es das leider häufig nicht in der Realität außerhalb des Buches.

Verdammt, wieso war das hier nicht in den Kursen für interspeziäres Feingefühl behandelt worden? „Sagst du …“ Denk nach Sissix, denk nach. „Sagst du das, weil du Mitleid mit mir hast, oder … oder weil du es möchtest?“

Ich kann mich gut mit dem Algentechniker Corbin identifizieren (Algen werden als Treibstoff für das Raumschiff genutzt). Er stürzt sich manchmal lieber in Arbeit, als sich mit seinen Mitreisenden zu beschäftigen. Und auch wenn dieses Verhalten das eine oder andere Mal aneckt, steht die Crew letztlich trotzdem zusammen.

Schlussbemerkung

Insgesamt ist das ganze Buch ein so von Grund auf positives Werk. Mich steckt diese Positivität förmlich an. Trotzdem bleibt es spannend, bis zum Schluss. Die wundervollen Charaktere nehmen uns mit auf eine Reise, die zeigt, was zusammen erreicht und wie gemeinsames Zusammenleben gestaltet werden kann.

Kaum ein Buch hat mich so emotional berührt, wie dieses. Oh Sterne …

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