„Bi“ von Julia Shaw

Kann mir das Buch "Bi" von Julia Shaw noch über mich selbst verraten? Und was hat das alles mit schwulen Schafen zu tun? Mein Eindruck über das Buch.

Cover des Buchs "Bi: Vielfältige Liebe entdecken" von Julia Shaw, erschienen im Hanser Verlag. Der Hintergrund besteht aus verwaschenem Magenta und Blau, also den Farben für Bisexualität.
Cover des Buches

Vor ein paar Tagen lernte ich, dass die lokale Stadtbibliothek queere Medien sichtbar macht. Also dachte ich, schaue ich mich mal dort um, und schaue mich mal um. Dort bin ich dann auf das titelgebende Buch gestoßen – Bi: vielfältige Liebe entdecken der Autorin Dr. Julia Shaw. Ich las das Buch ein wenig mit der Fragestellung: Kann mir das Buch noch etwas über mich selbst verraten?

Wie sollen wir denn nun die vielfältige Liebe entdecken (im Original übrigens mit einem etwas anderen Titel – The Hidden Culture, History, and Science of Bisexuality)? Die Autorin nimmt uns mit, die Geschichte von Bisexualität in der Gesellschaft kennenzulernen und schweift dabei über Versuche und (Miss-)Erfolge diese wissenschaftlich zu erfassen und zu begreifen. Dabei räumt sie gleich zu Beginn damit auf, dass Bisexualität etwas „neues“ sei.

Dabei können wir die heutigen und vergangenen Bedürfnisse von Bi*-Personen kennenlernen und erfahren die vergangene und aktuelle Diskriminierung auch in der Mitte selbst der „westlichen“ Gesellschaft und queeren Community. Sie lädt uns trotz dessen (oder gerade deshalb?) ein, die eigene Sexualität zu erkunden, und auch außerhalb von klaren Labeln zu denken und von Vorurteilen zu befreien.

Der Erzählstil ist dabei sowohl wissenschaftlich-distanziert (und immer belegt), als auch einfühlsam, eben weil die eigene Erfahrung der Autorin miteinfließt. Das Buch hat einen durchgängigen roten Faden. Der Übergang zum nächsten Thema wirkt nie künstlich. Damit lässt sich das Buch gut auch von vorne bis hinten lesen, und ich wollte es nie weglegen.

Persönlicher Eindruck

Mit der Ausschweifung über eine naturwissenschaftliche Erklärung und Sexualität in der Tierwelt kann ich allerdings nur wenig anfangen. Wir Menschen formen unsere Gesellschaft und die Normen selbst – sich dann zu überlegen, ob Bisexualität natürlich ist oder gar einem evolutionärem Zweck dient, ist dabei, wie ich finde, nur wenig hilfreich. Unterhaltsam ist dies bisweilen durchaus – so war die Information über ca. 5 % homosexuelle Widder zumindest neu für mich.

Viel besser finde ich allerdings die Betrachtung von Bisexualität in der historischen Gesellschaft – über die Entwicklung einer sexuellen Identität (gegenüber sexuellem Handelns), und wie wir Bi*-Personen regelmäßig unter die Räder geraten sind. Dass es dabei eine große Diskrepanz zwischen „Personen denken und handeln bisexuell“ und „Personen identifizieren sich so“ war zwar schon länger in meinem Gefühl, konnte es aber nie in Zahlen fassen. Dabei werden auch insbesondere Gesellschaftsnormen (gerade von Männern) pointiert herausgestellt: übertriebene Männlichkeit, die sich in Gewalt gegen vermeintlich „nicht männliche“ Handlungen richtet, bis dahin, dass selbst Männer, die mit Männern schlafen, diese Handlungen dann selbst nicht als homosexuell bewerten.

Auch für mich als junge Person ist der Rückblick auf die vergangenen Kämpfe der queeren und hier speziell der Bi-Community lehrreich. Ich selbst kenne sogar noch weniger als die Autorin das Thema AIDS als „echte“ Bedrohung. Dass das in der Vergangenheit dazu geführt hat, dass Bi-Männer von beiden Seiten extrem ausgegrenzt, und Bi Frauen vergessen wurden, wäre mir sonst wenig aufgefallen. Auch daran, dass die queere Community noch einiges „zu tun“ hat, zeigt sich beim Lesen schnell: Bi*-Personen wird häufig nicht ihre sexuelle Orientierung „geglaubt“ und entsprechende Räume stehen häufig nur weißen Personen zur Verfügung. Dass das außerhalb der Community so ist, ist schon schlimm genug. Über Eltern, die ihren Kindern nicht glauben, bis hin zu Asylverfahren, die abgelehnt werden, weil Asylbewerber*innen aufgrund von Vorurteilen ihre Orientierung (und damit den Asylgrund) nicht „beweisen“ können. Mir sind dabei folgende Sätze in Erinnerung geblieben:

[Es besteht die Annahme, dass sich] bisexuelle Menschen frei entscheiden [können], sich nur noch in Mitglieder des anderen Geschlechts zu verlieben und Beziehungen mit ihnen eingehen. Aber Liebe hält sich bekanntlich nicht an willkürliche Entscheidungen der Gesellschaft, mit wem man zusammen sein sollte und mit wem nicht. Ebenso wenig wie die sexuelle Anziehung.

Abschluss

Habe ich nun mehr über mich selbst erfahren? Eher nicht. Über das Theme Bi* habe ich mir schon länger Gedanken gemacht und viele Schlüsse über mich selbst, welche die Autorin vornimmt, schon längst gezogen habe – man munkelt, dass die Farben meines Profilbilds wohl nicht ganz zufällig seien … doch umso mehr zeigt die Autorin, warum es sich weiter lohnt, für bi*-Sichtbarkeit einzustehen. Denn sie erklärt, warum ich mich – obwohl Bisexualität die größte sexuelle Minderheit darstellt – alleine fühlt und so selten andere Bi*-Personen wahrnehme. Gerade die intersektionale Betrachtung über das Thema Diskriminierung macht es umso lesenswerter. Was ich mit der Information über homosexuelle Widder anfange, weiß ich zwar noch nicht. Unter Furries wird das aber sicherlich irgendwann nützlich …

Nachtrag

Zu meinem Fazit, nichts über mich gelernt zu haben, muss ich etwas ergänzen: Das Buch zeigt mir aber auf, wie ich selbst Bi*-Themen wahrnehme – etwa durch Film, Fernsehen und Gesellschaft – und damit die eigene Erfahrung beeinflusst hat.

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